Münztoilette und Plastikdusche

Josefine und Tom hatten einen Parkplatz direkt an der Mosel gefunden.
Inzwischen war es fast dunkel geworden. Fast. Richtig dunkel würde es wohl auch nicht werden. Der Himmel war klar. Der Mond leuchtete hell und rund über dem Fluss.
„Wir sind an der Mosel“, sagte Tom, während er den Bus abschloss. „Lust auf ein Glas Wein?“
„Und wie!“, lachte Josefine. Sie waren fast den ganzen Tag unterwegs gewesen. Die Fahrt durch den Schwarzwald war wunderschön. Sie hatte vergessen, wie reizvoll die Landschaft fast vor ihrer Haustüre war. An manchen Plätzen wäre sie gern geblieben. Doch dann waren hatten sie sich doch entschieden, weiterzufahren. Ein bisschen mehr Stadtnähe, abends auch mal Essen gehen können, hatten sie sich vorgestellt. Und hier gab es nur Natur pur.

Campingplätze öffnen später

Unterwegs hatten sie irgendwo einen Pizza-Hut gefunden und eine Kleinigkeit gegessen.
Hunger hatten sie deshalb eigentlich nicht mehr.
Danach hatten sie einen Platz zum Übernachten gesucht. Stellplätze gab es genug. Doch die meisten hatten keine Toilette. Dann lieber im Wald übernachten. Schließlich konnte Josefine sich kaum zwischen den ganzen Wohnmobilen neben ihrem Dipamobil in die Hocke setzen und ihr Geschäft verrichten.
„Dann musst du eben das Portapotti endlich einweihen“, hatte Tom gegrinst und Josefine hatte empört den Kopf geschüttelt. „Nicht ohne Not!“ hatte sie geantwortet und gelacht.
Die meisten Campingplätze würden erst drei Tage später öffnen, am 1. April.
Also waren Tom und Josefine weitergefahren.
Und dann hatten sie den Platz in Wintrich, direkt an der Mosel gefunden. Mit zwei Münz-Toiletten und je einer Plastikdusche für Männlein und Weiblein.
Die beiden waren mitten durch den Ort gefahren, um den Wohnmobilstellplatz zu finden. Der Ort hatte Josefine gefallen.
„Wir gehen nach Wintrich. Da finden wir bestimmt ein Lokal“, schlug Josefine vor und die beiden zogen los.

Das Gasthaus in Wintrich

Das Wirtshaus stand direkt neben dem Rathaus und sah aus, wie man sich ein zünftiges altes Gasthaus in einem Weinbaugebiet vorstellt.
Josefine und Tom traten ein. Ein sehr junges Paar saß an einem der Tische und aß Pizza. Sonst war das Gasthaus leer.
Josefine und Tom blieben stehen, sahen sich um.
„Kann ich etwas für Sie tun?“, fragte das Mädchen und sprang auf.
„Bekommen wir bei euch ein Glas Wein?“ Tom lächelte das Mädchen freundlich an.
„Ja, klar – wo wollen Sie denn sitzen?“, fragte sie unsicher.
„Wir setzen uns an den Tresen“, entschied Tom mit einem Blick auf Josefine. Die nickte.
„Habt ihr ein Glas Wein aus der Gegend?“ wollte er wissen,. Er hatte es sich auf dem Barhocker bequem gemacht. Auf der Karte stand: Wein. weiß, rot, rosé.
Tom sah das Mädchen fragend an.
„Ich weiß nicht…“, antwortete sie zögernd. “Ich versteh ja nicht viel von Wein. Aber ich kann mal gucken, was da drauf steht.”
„Ich glaub, ich hätte gern ein Bier“, entschied Josefine. Das schien einfacher zu sein.
Sie sah sich um.
„Schön habt ihr es hier“, fand sie. „Die Gaststätte ist hübsch, der Ort hat Charme.“
„Na ja …“, das Mädchen zögerte und zuckte die Schultern. „Ich bin hier aufgewachsen. Die letzte Zeit hab ich in Köln gelebt. Da hat es mir besser. gefallen.” Sie erzählte, dass dies die Gaststätte ihrer Mutter sei. Die hätte oben im Ort noch ein Hotel und beides war ihr nun zu viel geworden. Deshalb hat die Tochter aus Köln kommen und das Gasthaus übernehmen müssen.  „Aber ich würde viel lieber wieder zurück nach Köln gehen“, seufzte sie und sah ein bisschen aus wie ein Häufchen Elend.
„Es gibt noch einiges zu tun”, erklärte der junge Mann, der ebenfalls kaum älter als zwanzig war. „Und eigentlich stellen wir uns hier alles ganz anders vor.“
„Wir haben heute erst eröffnet“, nickte das Mädchen. „Deshalb wissen wir selbst auch noch nicht so genau, welche Getränke wir hier überhaupt haben.“

Nur ein Zettel mit irgendwelchen Inhaltsstoffen

Tom hatte inzwischen noch einen weiteren Zettel auf dem Tresen gefunden und zog ihn neugierig zu sich.
„Ach – das ist nur ein Zettel mit irgendwelchen Inhaltsstoffen“, beeilte sich das Mädchen, Tom den Inhalt zu erklären. „Der war früher in der Speisekarte. Aber wir haben ihn rausgenommen. Wir fanden den nicht so wichtig. Wir wissen sowieso nicht, was da in den Sachen drin ist, die da drauf stehen.“ Sie sah ihren Freund hilfesuchend an.
„Ja, in der Cola ist irgendwas drin, glaub ich. Aber was, weiß ich auch nicht“, ergänzte er dann.
Tom hatte sich inzwischen auch für ein Bier entschieden.
Dann zahlte er. Josefine wechselte noch ihr Kleingeld in möglichst viele 50-Cent-Stücke. Die würden sie brauchen. Denn ohne genügend passende Münzen hätten sie schließlich doch noch das Portapotti einweihen müssen.

Das Wasser plätscherte, die Vögel zwitscherten, die Sonne schien

Sie hatten gut geschlafen. Das Bett war breit und kuschelig, ringsherum schien ein fast voller Mond durch die Fenster.Das Dipamobil von Josefine und Tom Stark war das kleinste zwischen all den Wohn- und Reisemobilen, die hier ebenfalls übernachtet hatten. Für Josefine und Tom war es das schönste. Es hatte alles, was man brauchte, war alltagstauglich und man fand auch in größeren Städten einen ganz normalen Parkplatz.
Kaum hatten die ersten Sonnenstrahlen in Josefines Nase gekitzelt musste sie raus. Das Wasser plätscherte, die Vögel zwitscherten, die Sonne schien. Alles war friedlich.
Karfreitag.
Josefine schnappte sich ihre Kamera und zog los, die Welt zu entdecken.

Liebe zum Weinbau

Wintrich lag mitten in den Weinbergen direkt an der Mosel. Alte windschiefe Häuser waren liebevoll zurechtgemacht und österlich geschmückt. Viele zeugen von einer langen Tradition des Winzerhandwerks. Die Namen der Weinsorten erinnern an Feste, Musik und Tanz, aber vor allem an die Liebe zum Weinbau und natürlich auch zum Wein.
Belgien, Frankreich, Luxemburg. Die Länder waren nicht weit weg. Die Schilder auf dem Campingplatz waren zweisprachig. Was genau die Menschen hier sprachen, konnte Josefine sich nicht wirklich zusammenreimen. Es klang ein bisschen nach französisch. Nach Belgisch vielleicht. Vielleicht war es Flämisch, überlegte sie. Überall hatte sie Tafeln gefunden auf denen standen Hinweise auf ein „flämisches Wirtshaus“ oder „Hier wohnen Flamen mit einem Herz für Wintrich“.
Und dann sah sie Menschen in einem Supermarkt verschwinden.
„Entschuldigung“, sprach sie den nächsten Passanten auf dem Weg in das Geschäft an, das ganz offensichtlich am Karfreitag geöffnet hatte. „Gibt es da auch Brötchen.“
„Klar“, antwortete der und lachte. „Deshalb bin ich hier.“
Er grüßte freundlich, hielt Josefine die Tür auf und zeigte ihr den Tresen, hinter dem die Bäckerin stand.
Es gab Croissants und Baguettes. Das Frühstück war gerettet.
Begeistert schnappte sich Josefine ihre Schätze, wechselte noch ein bisschen Kleingeld für 50-Cent-Münzen und machte sich auf den Weg zurück zur Mosel.

Gerade erst von der Gemeinde übernommen

Der Wohnmobilstellplatz war erst jetzt von der Gemeinde Wintrich übernommen worden, konnte man auf einem Schild lesen. Sie entschuldigten sich dafür, dass noch nicht alles so war, wie es sein wollte. Aber sie hatten den Gästen ermöglichen wollen, diesen Platz bereits ab Ostern zu benutzen. Deshalb hatten sie ihn trotz aller Mängel jetzt schon frei gegeben. W-Lan gebe es noch nicht. Aber die Besucher könnten das kostenlose Wlan rund ums Rathaus nutzen, hieß es.
Josefine zuckte die Schultern. Wlan brauchten sie nicht. Sie hatten ihr eigenes im Bus.