Meinst du, mein Vater war Jude?

Das Making-Off

“Meinst du, mein Vater war Jude?”

“Meinst du mein Vater war Jude?”
“Wie kommst du denn darauf?”

Das würde ich jetzt auch gern wissen, dachte Minna, kletterte auf ihren Lieblingsplatz unter der Wärmelampe. Von dort aus hatte sie eine gute Sicht auf den Küchentisch.
Die Schildkröte machte ihren Hals lang.

“Wie kommst du denn auf so einen Unsinn?” Tom sah Josefine überrascht an. Doch eigentlich brauchte er sich nicht zu wundern. Seine Frau hatte immer wieder ziemlich schräge Ideen. Nach sechsundzwanzig Jahren Ehe sollte er das eigentlich wissen.
“Also ich hab dein Buch gelesen. Den Maus-Comic von Art Spiegelmann. Der zeichnet da die Geschichte seines Vaters. Und der war Jude.”
Minna bewegte ihren Kopf ein kleines bisschen in Toms Richtung. Damit sie seine Reaktion besser sehen konnte. Jetzt bin ich gespannt, was er darauf sagt, dachte sie. Minna wusste, was passieren konnte, wenn Josefine ein Buch las. Sie hatte es schon oft erlebt.

Minna wusste, was passieren konnte, wenn Josefine las

“Du hast also wieder heimlich gelesen”, grinste Tom und zitierte damit eine Postkarte, die bei Starks an der Klotür hing. Von innen. “Das sollst du doch nicht.” Tom drohte Josefine spielerisch mit dem Zeigefinger.
Er war es gewesen, der die Karte da angepinnt hatte. Als Mahnung, als Erinnerung sozusagen. Er fand, Josefine identifizierte sich jedes Mal viel zu sehr mit den Protagonisten der Bücher, die sie gerade las. Und dann reagierte sie an deren Stelle auf das, was die Personen erlebt hatten, und er wusste manchmal einfach überhaupt nicht, wie er damit umgehen sollte.

Da hatte es beispielsweise einen Roman gegeben, in dem die Hauptfigur sich von ihrem Mann getrennt hatte, weil der sie behandelt hatte, wie ein unmündiges Kind. Nichts hatte er sie selber entscheiden lassen. Und dann stand Josefine eines Tages vor ihm und erklärte wütend: “Ich lass mir das nicht mehr länger gefallen. Ich bin alt genug, um selber zu entscheiden, wie ich mein Zimmer streiche. Es geht dich nichts an. Selbst wenn ich es rot streichen wollte.“
Tom hatte darauf ziemlich verdattert reagiert. Er wusste nicht einmal, dass sie vorhatte, ihr Zimmer zu streichen.
Nach dem nächsten Buch wollte sie ein Kind.

Die Familie des Zeichners waren Juden

Nun also war ihr Vater Jude, weil es die Familie des Zeichners auch war.

“Der macht genau das gleiche wie ich”, plapperte Josefine drauf los. Wie immer öffnete sie einfach den Mund und ließ ihre Gedanken ungeordnet in den Raum purzeln. 
“Er arbeitet in seinem Buch die Geschichte seiner Eltern auf. Genau wie ich. Er zeichnet – ich schreibe.”
Minna überlegte. So weit sie sich erinnern konnte, waren im Dritten Reich nicht alle Menschen Juden. Es gab viele Geschichten. Ein paar kannte sie.

“Ja, das stimmt.” Tom hatte den Comic auch gelesen. Er hatte ihn sogar gekauft.
“Das Buch hat mich sehr berührt”, gestand Josefine.
“Mein Vater hat zwar den Holocaust nicht mitgemacht, aber die Kriegsgefangenschaft war schlimm genug.”
Josefine erinnerte sich daran, dass sie zusammen mit ihrem Vater vor vielen Jahren einen Film gesehen hatte, der in einem Konzentrationslager gespielt hatte. Ihr Vater war sehr still gewesen. Als der Film vorbei war, hatte er nur gesagt: “In unseren Lagern ist es ganz genau so gewesen.”
Josefine hatte damals ziemlich schlecht geschlafen und war mit Albträumen aufgewacht.
“
Art Spiegelmann hatte immerhin noch mit seinem Vater reden können, sich die Geschichte erzählen lassen. Ich hab nur die paar Seiten, die er geschrieben hat, ein paar Aufzeichnungen, ein paar Dokumente, etwas Schriftverkehr. Er hat alles sorgfältig in einem Ordner abgeheftet.”
Kurz vor seinem Tod hatte er seiner Tochter die Mappe in die Hand gedrückt und gesagt: “Schreib meine Geschichte. Veröffentliche sie meinetwegen. Diese Zeit sollte nicht vergessen werden.”

Art Spiegelmann hatte mit seinem Vater noch reden können

“Damit weiß ich jetzt aber immer noch nicht, warum du glaubst, dein Vater hätte Jude gewesen sein können.”
Und ich weiß es auch nicht. Minna probierte eine andere Haltung auf ihrem Stein aus. Die alte war ihr unbequem geworden.

“Na ja, mit deinem Mädchennamen war der Nachweis arischer Abstammung sicherlich tatsächlich nicht ganz einfach.”
Pajonczek war polnisch. Auf deutsch hieß es “Spinnchen”.
“Und was denkst du denn, hat dein Vater mit dem Zeichner des Maus-Comics gemeinsam?”
“Es ist die Sprache”, erklärte Josefine. “Schon als ich die ersten Dialoge mit Spiegelmanns Vater las, hatte das in meinem Kopf genauso geklungen, wie es klang, wenn mein Vater gesprochen hat.”
Josefine sah nachdenklich aus. “Weißt du, was ich komisch finde?”
“Nein.” Tom grinste. “Noch nicht. Erklär’s mir.”
“Meine Eltern sind in Ostpreußen gar nicht so weit voneinander entfernt aufgewachsen.”
Josefine nahm ihr Handy und suchte Idsbarg – Hirschberg – auf der Karte, wo ihr Vater groß geworden war und ließ die Route zu Koslowo, Klein Koslau, berechnen, wo ihre Mutter aufgewachsen war. Sie beugte sich über den Tisch und hielt Tom ihr Handy unter die Nase.
“Guck mal. Das sind gerade mal 63 Kilometer.”
“Aha”. Tom sah seine Frau verständnislos an. “Ich verstehe nicht, was das damit zu tun haben soll, ob dein Vater Jude war oder nicht.”
Er schüttelte den Kopf. “Ich denke, das ist Quatsch. Wäre er sonst während der Gefangenschaft wegen des Verdachts der Mitgliedschaft bei der NSDAP verhört worden?”
“Ich weiß es nicht.” Josefine zuckte die Schultern. 
“Eigentlich weiß ich gar nicht viel von ihm. Ich hätte ihn viel mehr fragen sollen.” Sie sah traurig aus.

Er war also Jude, weil er 63 Kilometer von seiner ehemaligen Zukünftigen aufgewachsen war? Minna wunderte sich. Sie wartete immer noch auf die Auflösung des Rätsels.

Ganz unterschiedliche Dialekte

“Manchmal ist es nicht einfach, deinen Gedankengängen zu folgen”, seufzte Tom.
“Was ist denn nun mit den 63 Kilometern?”
“Die beiden haben eine völlig unterschiedliche Sprache gesprochen. Zumindest einen völlig verschiedenen Dialekt. Und das finde ich merkwürdig. Eben weil beide so nah beieinander gelebt haben.”
“Ich weiß nicht. Ich hab beide kennengelernt. Mir ist das nicht aufgefallen.”
“Mir fällt es ja auch erst jetzt auf.”
Josefine überlegte kurz. “Weißt du, sie haben ja da schon vierzig Jahre zusammengelebt und waren seit bald 50 Jahren weg aus ihrer alten Heimat. Als ich klein war, war ihr ostpreußischer Dialekt oder das, was ich dafür gehalten habe, viel ausgeprägter.”
Sie dachte einen Moment nach. “Die Sprachmelodie war anders. Mein Vater hat die Vokale anders ausgesprochen. Irgendwie osteuropäischer, jiddischer. So wie der Vater des Mauszeichners.”
Sie sah Tom an. “Mein Onkel und meine Tante, also die Geschwister meines Vaters, die ich kennengelernt habe, haben auch so gesprochen.”
“Ich weiß nicht. Ich glaube, du steigerst dich da in etwas hinein, seit du die Geschichte der Familie Spiegelmann liest. Selbst wenn die beiden verschiedene Dialekte gesprochen haben – das ist doch nicht alles. Wenn du genau hinhörst, stellst du fest, dass hier auch in jedem kleinen Dorf die Dinge anders ausgesprochen werden, der Tonfall sich ein kleines bisschen unterscheidet.”

Josefine winkte ab. “Das ist aber noch nicht alles”, sagte sie. “Die Familie meines Vaters war sehr fromm. Bei meinem Vater hat man es nicht so gemerkt. Aber seine Geschwister sind ständig in ‘die Gemeinde’ gegangen. Was auch immer das für eine Gemeinde gewesen sein mochte. Es war auf jeden Fall keine Konfession, der ich je wieder begegnet bin.”
Josefine lächelte in der Erinnerung. “Ich war oft mit und fand es eigentlich ganz schön da.”
“Haben sie hebräisch gesprochen?”, wollte Tom wissen.
Josefine zuckte die Schultern.
“Keine Ahnung”, sagte sie dann. “Woher sollte ich das als Klein-Regina schon wissen. Ich hätte es vermutlich nicht gemerkt. Wenn ich heute so zurückblicke, würde ich sagen, es fühlte sich irgendwie wie Freimaurer oder etwas ähnliches an. Freidenker waren sie auf jeden Fall. Irgendwie philosophisch.”

Dann bin ich wohl auch Jude, freute sich Minna. Freidenker und philosophisch war sie schließlich auch.

Es war immer ein Tabu-Thema

Tom war immer noch skeptisch.
“Ich weiß ja auch nicht so genau, woran man erkennt, ob jemand Jude ist oder nicht”, räumte Josefine ein.
“Bei Männern gibt es durchaus erkennbare Merkmale. Aber an dieser Stelle wirst du dir deinen Vater sicher nicht so genau angesehen haben.”
Tom grinste von einem Ohr zum anderen. “Ich wüsste auch nicht, wie das aussehen würde. Und außerdem heißt das doch gar nichts. Es gibt tausend Gründe dafür, wenn jemand beschnitten worden ist.”

Josefine atmete tief ein.
“Eigentlich weiß ich gar nichts”, sagte sie dann. “Nichts über Juden. Weil man darüber nicht sprechen durfte, als ich klein war. Es war ein Tabu-Thema. Was ich über Juden weiß, weiß ich von meinem Besuch in Israel Anfang des vergangenen Jahres. Der Reiseleiter, den wir hatten, war der einzige Jude, den ich je persönlich kennengelernt habe. Denke ich. Aber ich weiß nicht mal das.”
Sie dachte an Assafs Erzählungen, die Dialoge, die er übersetzt hatte, an die liebenswerten Macken seiner Landsleute, von denen er erzählt hatte.
“Und wenn ich genau darüber nachdenke, hat mich dieser Assaf auch an meinen Vater erinnert. Der Humor war ähnlich.”
Tom sah Josefine an und lächelte nachsichtig. “Weißt du, was dein Vater jetzt sagen würde?”
“Und was?”
“Dein Kopf ist wie eine Wundertüte: In jeder Ecke eine andere Überraschung.”
“Stimmt”, gab Josefine zu.
“Ich glaub, ich mach uns jetzt erstmal Abendessen”, stand auf und ging an den Kühlschrank.

Ich nehm den Salat, dachte Minna.