Es beginnt, wo Minnas Buch endet

Das Making-Off

Es beginnt, wo Minnas Buch endet

Zettel und Briefe, Ordner und Schnellhefter – Josefine hatte all ihre Schätze auf dem Küchentisch ausgebreitet. Und mittendrin saß Minna.
„Deine Aufgabe ist es, mich zu inspirieren“, erklärte sie der Schildkröte.
Sie sah sich auf dem Tisch um.
„Ich weiß überhaupt nicht, wo ich anfangen soll.“

Vorne, dachte Minna pragmatisch und hob das Köpfchen.

Der Beginn ist da, wo Minnas Buch endet.

„Vielleicht fange ich da an, wo Minnas Buch endet. 1945.“
Josefine blätterte in den Unterlagen. Die meisten Briefe stammten aus der Zeit des ersten Jahres nach der Rückkehr ihres Vaters aus der Kriegsgefangenschaft. Da gab es Abschriften von Briefen an die Landesversicherungsanstalt. Ihr Vater hatte Einspruch gegen eine Entscheidung des Amtes eingelegt, das ihn für arbeitsfähig erklärt und ihm eine weitere Krankenbehandlung verweigert hatte.

„… Wie aus obigem Schreiben hervorgeht, kann eine Gesundheitsschädigung bei mir nicht festgestellt werden …“ hatte er geschrieben. „Wenn dieses zutreffen würde, dann wäre ich seit langem erwerbstätig. Leider kann ich mich nach den im Laufe der Gefangenschaft zugezogenen Herzleiden mit Kreislaufstörung als Ursache einer Dystrophie erholen …“
„Mein Vater war krank?“ Josefine sah Minna fragend an.

Dystrophie als Ursache

Na ja…, die Schildkröte wackelte mit dem Kopf. Was erwartest du?, dachte sie. Jahrelange Gefangenschaft in Sibirien. Da ist es kalt. Ich wäre auch krank geworden, wenn ich da hätte leben müssen. Und gefüttert haben sie ihn auch nicht. Ich hätte es vielleicht unbeschadet überstehen können. Mit Winterstarre und Panzer. Aber Josefines Papa war eben keine Schildkröte.

„Das hab ich nicht gewusst“, sagte Josefine betroffen. Ihr Vater war immer stark für sie gewesen. Er hat die Menschen geliebt, war für alle da, hatte sie genau so akzeptiert wie sie waren, mit all ihren Fehlern, hatte jeden respektiert. Er hatte Spuren hinterlassen.
Krank?
„Was ist das überhaupt – Dystrophie?“
Josefine dachte als erstes an düstere Geschichten.
Aber das waren Dystopien. In dem Brief war dafür ein „h“ zu viel. Und das „r“ gehörte ebenfalls nicht zu dem Wort, das sie kannte. Ein Schreibfehler?
Google wird es wissen, dachte Josefine.

Hunger und Mangelernährung

Ich weiß es auch, dachte Minna, aber du hörst ja nicht zu. Sie drehte sich um, wandte Josefine das Hinterteil zu und wackelte mit dem Schwänzchen.
„Was willst du mir damit denn sagen?“, lachte Josefine und konnte nur mit Mühe den Reflex unterdrücken, die Schlildkröte am Schwanz zu ziehen.

Kriegsheimkehrer hatten Dystrophie, fand sie heraus. Hunger, Mangelernährung waren verantwortlich dafür, dass die Leute krank wurden, stand im Internet. Der Begriff stehe für eine ganze Reihe physischer Schädigungen und psychischer Beeinträchtigungen, erklärte Wikipedia. 42000 Menschen seien daran sogar gestorben. Der Artikel verwies auf das Buch „Die vergessene Generation“ von Sabine Bode, die davon berichtete, dass die Zahl derer, die unter den Folgen von Krieg und Gefangenschaft gelitten hatten riesig gewesen sei.

Josefines Vater hatte auf seine Briefe an die Landesversicherungsanstalt keine Antwort bekommen
„Vermutlich waren sie überfordert“, erklärte sie der Schildkröte und bestellte sich das Buch.
„Wenn ich über meinen Vater schreiben will, muss ich ihn verstehen“, sagte sie.

Eine Ecke fehlte schon

Du weißt vieles nicht, dachte Minna. Und das ist auch besser so. Manchmal war es besser, die Dinge einfach ruhen zu lassen, fand sie und begann, an den Dokumenten auf dem Küchentisch zu knabbern.

„Mensch, Minna“, rief Josefine erschrocken. „Bist du wahnsinnig?“
Sie schnappte sich das Tier und hob es hoch. Sie zog an dem Blatt Papier, das Minna mit ihrem Kiefer festhielt und brachte es in Sicherheit. Eine Ecke fehlte schon. Aber da stand nur Erichs Husumer Adresse drauf. Den Verlust konnte Josefine verschmerzen. Die hatte sie auch auf anderen Dokumenten.
„Ich glaube, du bist in deinem Terrarium jetzt besser aufgehoben“, erklärte sie entschlossen und entsorgte das Tier dorthin, wo es hingehörte.

Josefine hörte Schritte im Treppenhaus. Tom hatte Feierabend.
„Ich bin da“, strahlte er und setzte sich seiner Gattin gegenüber. Er sah sie an, stutzte, zögerte.
„Geht es dir nicht gut?“, fragte er. „Du siehst bedrückt aus.“
„Ja. Nein. Vielleicht. Ich weiß nicht.“ Josefine seufzte.
„Was ist denn los?“ Tom ließ nicht locker.
„Ich hab hier Unterlagen von meinem Vater gefundenen, die ich durchgehen wollte.“ Sie zuckte die Schultern. „Irgendwann muss ich mein Versprechen einlösen. Er hatte mich doch gebeten, seine Geschichte öffentlich zu machen. Und ich hab es ihm versprochen.“

Schildkröte sind weise

Entschlossen packte sie die Briefe zurück in den Ordner und legte ihn zur Seite.
„Es nimmt mich mehr mit als ich geahnt habe“, gestand sie.
„Dann lass es doch.“
Tom ging zum Herd.
„Ich mach uns einen Tee“, schlug er vor. „Oder magst du lieber ein Glas Rotwein?“
„Ein Glas Rotwein wäre nett“, entschied sie.

„Minna scheint auch deiner Meinung zu sein“, sagte Josefine und ein Grinsen huschte über ihr Gesicht. „Sie frisst meines Vaters Briefe“, erklärte sie.
„Schildkröten sind eben weise“, lächelte Tom und schenkte seiner Frau reinen Wein ein.

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