Der 90. Geburtstag

Fienchen ist aufgeregt.
Sie wird heute 90.
„Gut, dass ich einen zehn Jahre jüngeren Mann geheiratet hab“, denkt sie, „wer in meinem Alter kann schließlich den noch mit seinem Partner zusammen feiern?“
Meistens feiern die beiden Jans und Fienchens Geburtstag sogar gemeinsam. Das haben sie immer schon getan. Inzwischen seit 54 Jahren.

Immer noch eine Wundertüte im Kopf

Vor langer Zeit gab es bei den beiden schon einmal ein Fest zum 90. Als sie zusammen 90 wurden. Diesmal wird Fienchen alleine 90. Und weil es von damals schon eine Vorlage gibt, wie so ein 90. Geburtstag aussehen kann, soll der Tag heute genau wie vor 40 Jahren wieder unter dem gleichen Motto stehen: „Dinner for one“
Seit 40 Jahren denkt sie nun schon darüber nach wie sie diesen Tag feiern möchte. Fienchen ist 90. Und immer noch ist ihr Kopf eine Wundertüte: In jeder Ecke eine andere Überraschung. Anstrengend, findet Jan manchmal, aber auch spannend.
Fienchen hatte vor Jahren schon gewusst, dass sie eines Tages älter sein wird und vielleicht das Gedächtnis nachlassen könnte. Manchmal hatte sie schon das Gefühl, ihre Erinnerungen könnten dem „Hildesheimer“ zum Opfer fallen. Was das ist? Ach so – ja: die Vorstufe von Alzheimer.
Aber Fienchen hatte eigentlich immer gehofft, dass es bei Hildesheimer bleibt. Trotzdem hatte sie über die Jahre kleine Zettel mit Notizen für diesen Tag gemacht. Sicherheitshalber
Leider hat sie die meisten dann nicht wiedergefunden. Der Zettel mit „Tigerfell kaufen“ ging an der Pinwand. Den hatte sie gefunden. Mit einem Blick.

Tigerfell kaufen

Und dann zogen Jan und Fienchen los. Sie hatten einen Heidenspaß. Das Gesicht des Verkäufers war aber einfach zu und zu komisch, als die beiden alten Leutchen ihm erklärten, dass sie schon immer auf einem Tigerfell vorm Ofen liegen wollten und dass es jetzt eben an der Zeit wäre, diesen Traum zu verwirklichen.
Jan hatte für das kleine Fest sein Herrenzimmer zur Verfügung gestellt. Der Tiger sollte vorm Kamin da seinen festen Platz bekommen. Im Grunde hätte er da schon ja schon vor vielen Jahren liegen sollen. Natürlich könnten die beiden durchaus immer noch da vorm Ofen liegen, aber Fienchen befürchtet, dass sie dann nie wieder hoch kommen, für immer da liegen bleiben müssten. Ob jedes Mal jemand rechtzeitig da ist, um ihnen aufzuhelfen, weil einer von beiden auf die Toilette…? Das kommt in ihrem Alter ja schon öfter vor. Windeln jedenfalls waren indiskutabel bloß um vorm Ofen auf dem Tigerfell zu liegen.

Ein Gedeck für jeden

Das Herrenzimmer ist für das geplante Fest ideal.
Es ist zwar nicht so riesig, aber es wird groß genug sein. Denn so viele Gäste erwartet Fienchen ja nicht mehr. Manche ihrer langjährigen Weggefährten leben nicht mehr. Manchmal hatte sie schon sehr getrauert bei denen, die ihr besonders ans Herz gewachsen waren, die eigentlich ihre Wahlfamilie waren. Aber wie bei „Dinner for one“ werden sie ein Gedeck bekommen. Und der Butler wird essen und trinken müssen, was ihnen zugedacht ist.

und einen echten Butler

Bei denen, die noch da sind, ist zu überlegen, wie sie in den zweiten Stock unters Dach kommen. Die Treppe ist alt und windschief.
Tom wird schon eine Lösung finden. Die findet er immer. Tom hatte auch die Idee, für diesen Tag einen echten Butler zu engagieren. Und eine kleines Küchenteam, das in der ersten Etage leckere Kleinigkeiten zaubern würde.
Fienchen hatte immer schon lieber viele kleine Naschereien, als üppige Mahlzeiten. Und im Alter ist der Appetit dann auch nicht mehr so wie früher.
Sei’s drum.
Richtig viel Überredungskunst hat sie gebraucht, dass sie ihr E-Piano oben in Jans Heiligtum aufbauen durfte. Aber Fienchen wollte Live-Musik. Und Jan hatte schließlich eingewilligt. Weil es ja Fienchens Geburtstag war.

Mind your head

Und dann geht es los.
Fienchen sitzt am Kopf der Tafel, der Tiger liegt vorm Ofen, da, wo eigentlich jeder, der durch die niedrige Tür kommt, drüber stolpern muss. Jan sitzt neben ihr. Beide gucken erwartungsvoll zur Tür.

Der Weg zur Festtafel gleicht einem Parcour. Einem Hindernislauf.
„Mind your head“
und „Mind your feet“
Fienchen hatte darauf verzichtet, Hinweis-Schilder zu malen. Denn wer jetzt noch lebt und heute an ihrem Geburtstag dabei ist, der zieht schon seit rund 50 Jahren den Kopf ein, wenn er durch diese Tür geht. So viele Männer gibt es in ihrem Alter nicht mehr. Die Frauen haben eh kürzere Köpfe.

Vermutlich singt er

Der Pianist sitzt am E-Piano und lächelt. Manchmal verändert sich sein Gesichtsausdruck. Der Mund geht auf und zu. Vermutlich singt er. Aber so genau hört Fienchen das nicht mehr.
Tom hat die Gäste mit einem kleinen Mehrsitzer zusammen getragen. Nein, nicht getragen. Die meisten können noch laufen. Wenigsten ein bisschen.
Er hat unten, da wo früher das Computergeschäft des Vaters war, einen kleinen Empfang eingerichtet. Die Gäste werden hier zunächst abgestellt und bekommen einen Aperitif. Laut ist es. Weil die meisten nicht mehr so gut hören. Aber es sind rundherum fröhliche, erwartungsvolle Gesichter.

Die Enkeltochter ist Fachfrau

Fienchens Schwiegertochter und die Enkelin bewirten die Gäste, passen auf, dass es allen gut geht. Die Enkeltochter hatte ihr Freiwilliges Soziales Jahr in der Altenpflege verbracht und ist damit Fachfrau.

Fienchen will singen. Und zwar „Always look on the bright side of life“. Sie findet, das passt. Und sie glaubt auch, dass ihre Gäste mitsingen. Wenigstens einige. Jedenfalls lächeln deren Augen genau so wie Fienchens. Der Pianist spielt dazu. Ob es das gleiche Stück ist? Die gleiche Tonart? Was spielt das schon für eine Rolle. Jan ist der einzige, der alles ganz genau hört. Aber er ist heute nachsichtig.

Same procedure as every year

Nach dem Essen lässt Jan die Leinwand runter und startet den Film „Dinner for one“. Weils eben an so einem Tag einfach sein muss.
Als alle eingeschlafen sind, nimmt Jan Fienchens Hand und verlässt die Geburtstagsgesellschaft.
„Same procedure as last year?“ fragt Fienchen.
„Same procedure as every year“, antwortet Jan augenzwinkernd.

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