Sie denkt
Das ist ihr Hobby.
Wie das der meisten anderen ADS-Kinder auch.
Dieses Kind ist 57 Jahre alt.
Der Psychiater will das so.
Also nicht, dass sie 57 Jahre alt ist. Aber dass sie von jetzt ab ein neues Thema für ihr Hobby hat: ADS – Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom. Vermutlich auch mit „H“ für Hyperaktivität.

Eine Fotoserie machen.
Schreiben.
Singen, komponieren, texten.
Klavier spielen? Mit viel Improvisationsspielraum.
Aber ein Stück zu Ende spielen ist schwierig.
Üben, so lange bis so ein Stück wirklich sicher sitzt – hat in den vergangenen 57 Jahren nicht geklappt, klappt jetzt auch nicht.
Fienchen kann sich dann eben mit anderen Dingen beschäftigen.
Stricken zum Beispiel. Das geht immer. Und meistens werden die Sachen sogar fertig, die sie anfängt. Dabei kann man so schön seine Gedanken spazieren schicken.
Damit fing im Grunde alles an.
Also nicht mit dem Stricken, mit den Hobbies.
Der Psychologe hatte Fienchen nach ihren Hobbies gefragt. Er wollte mit ihr Wege finden, wie sie Stress abbauen kann. Inseln schaffen, sagt er, sei gut. Dinge tun, die man gerne macht. Damit würde man die Perspektive wechseln, etwas Abstand gewinnen und alles würde gar nicht mehr so unüberwindbar schwierig erscheinen.
Deshalb.
Also, was Fienchen denn gerne macht, wollte der Psychologe wissen.
Und staunte.

Ach – und Kochen natürlich.

Der Psychologe legte den Kopf schief und fixierte Fienchen ein paar Minuten, ohne etwas zu sagen.
Die Frage nach Kindheit, Schule und Ausbildung gehört zur Anamnese.
Ausbildung?
Ja, wo fang ich denn an?
Am besten vorne.
Verwaltungsangestellte.
Na ja – drei Wochen vor der Abschlussprüfung hatte Fienchen gekündigt. Die Prüfung hat sie dann aber trotzdem noch gemacht. Weil ihre Freunde das irgendwie nicht akzeptiert hatten und sie sozusagen an den Haaren ins Personalamt geschleppt hat. Damit sie wenigstens die Prüfung machen kann.
Bestanden. Wenn auch nicht wirklich gut, aber bestanden. Fragt ja hinterher keiner mehr danach. Hauptsache man hat einen Abschluss.
Arbeitsplätze hinterher?
Viele.
Und noch ne Ausbildung als Augenoptikerin, Journalistin, Buchhaltung, Chorleitung, Datenschutz, Programmieren, Webdesign, Webentwicklung, Serveradministration.
Diesmal alle mit Abschluss.

Und die meisten gar nicht so schlecht.
Und das soll eine Krankheit sein?

Der Psychologe staunt weiter.
„Wenn es das damals schon gegeben hätte, wär ich bestimmt ein ADS-Kind gewesen“, Fienchen meinte, das sei ein Scherz.
„Ja“, sagte der Psychologe. Deshalb habe er Finchen vorhin schon nach ihrem Grundschulzeugnis gefragt. Das sei Voraussetzung, wenn man heute noch eine zuverlässige Diagnose stellen wolle.
Grundschulzeugnis?
Schwatzhaft stand drauf. Daran kann sie sich erinnern.
Fienchen hat inzwischen nach dem Zeugnisheft gesucht.
Gefunden hat sie: einen Gesellenbrief, den sie lange vermisst und eine Kopie anfertigen lassen hatte, ihre Geburtsurkunde und den Mutterpass. Diverse Abschlusszeugnisse, Zeugnisse von Arbeitgebern. Aber kein Grundschulzeugnis, kein Studienbuch.
Sie ist sich aber sicher, dass sie genau diese Dinge vor kurzem noch irgendwo gesehen hat. Sie sieht sogar den Karton noch vor sich. Aber wo das war? Keine Ahnung.
ADS-Kinder seien zerstreut, heißt es, vergesslich, verlieren dauernd Dinge, rennen gegen Türen und Tischkanten, seien kleine Tolpatsche…
…aber eben auch ungeheuer kreativ und charmant.
Und das soll eine Krankheit sein?

Gut – die Sache mit der Schule.
Vor dem ersten Lehrberuf hatte Fienchen außer der Führerscheinprüfung bis dahin noch an keiner Prüfung

teilgenommen. Deshalb auch keinen richtigen Schulabschluss.
Wenn’s ernst werden sollte, Prüfungen anstanden, hat sie immer rechtzeitig die Kurve gekratzt.
Die Zeugnisse waren grottenschlecht.
Sie ist ja auch im Laufe der Jahre immer seltener zum Unterricht gegangen.
Das Cafe Reimann lag so geschickt auf dem Weg…
Erstaunlich eigentlich, dass die Stadt Kiel in einer Zeit des Lehrstellenmangels ausgerechnet Fienchen einen Lehrvertrag gegeben hatten.
Ihr damaliger zukünftiger Schwiegervater hatte damals gesagt „Geh in die Verwaltung. Die Arbeitsplätze sind sicher.“
Na, wenn er meint.
Fienchen schrieb eine einzige Bewerbung.
Wurde zu einem Einstellungstest eingeladen und bekam den Ausbildungsplatz.
Vielleicht war sie ja wenigstens wenn schon nicht klug, dann wenigstens intelligent?
So etwa steht es auch in diversen Arbeitgeberzeugnissen. Und sogar der Diabetesarzt bescheinigte ihr „eine außergewöhnlich schnelle Auffassungsgabe, mit der sie die Schulungsinhalte überdurchschnittlich schnell umsetzen konnte.“
Vielleicht ist Fienchen am Ende ja doch „nur“ hochbegabt.
Aber jetzt – drei Jahre vor der Rente – spielt das eigentlich auch keine Rolle mehr…

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